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 Katrin Konert vermisst

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BeitragThema: Katrin Konert vermisst   Sa Mai 22, 2010 2:51 pm



Es ist Montag, der 1. Januar 2001. Am Abend überzieht Blitzeis die Birkenallee zwischen Bergen und
Groß Gaddau, zwei kleinen Dörfern in der Nähe von Lüchow-Dannenberg im niedersächsischen Wendland.
Katrin Konert steht an der Bushaltestelle „Bergen, Neue Straße“ am Heckenweg. Ihre schwarze Bomberjacke
mit dem orangefarbenen Futter schützt die Fünfzehnjährige vor der Kälte.

Die meisten Fenster der Fachwerkhäuser gegenüber des Wartehäuschens mit dem Wellblechdach sind dunkel.
Es ist still, der Schnee schluckt alle Geräusche. Nur wenige Autos fahren im Schrittempo vorbei. Katrin hält den
Daumen in die kalte Luft. Es ist kurz nach 19 Uhr. In Groß Gaddau, knapp zehn Kilometer Luftlinie von der
Bushaltestelle entfernt, erwachen gerade ihre Eltern nach einer rauschhaften Silvesternacht aus ihrem Mittagsschlaf.
Das Handy von Nadine, einer Schwester Katrins, piept: „Zw. 18.30-19.00 z.Hse. Sag Mama & Papa Bescheid“.
Eine SMS - das letzte Lebenszeichen. Seit diesem Tag fehlt von Katrin Konert jede Spur.

Heute hängt an der Stelle, an der Katrin nicht zwangsläufig entführt, „aber zumindest zuletzt gesehen wurde“,
auf diese Differenzierung legt Kriminalkommissar Andreas Rusche Wert, ein Plakat mit ihrem Fahndungsfoto.
Auf dem Foto hat sie einen schwarzen Pagenschnitt. Um den Hals trägt sie ein Band, wie es damals Mode war,
es soll aussehen wie eine Tätowierung. Das Plakat ist Gedenktafel, Mahnmal und Hilferuf zugleich. „Ich wollte
doch nur nach Hause fahren“, steht da in roter Schrift. Darunter: „Wo ist jetzt dieses ,Lächeln'“ Drei Fragezeichen.

Ganz unten die Nummer der Polizeiinspektion Lüchow. Dutzende von Anrufen gingen dort ein, auch seit Katrins
Eltern vor zwei Jahren die Plakatwand errichten ließen. 365 Spuren hat die „Ermittlungsgruppe 03/01“ unter
Kommissar Rusche im Fall Konert verfolgt. Einige davon waren vielversprechend, manche sogar „heiß“. Die
richtige jedoch, die hätte klären können, warum, wann und wohin Katrin verschwand - sie war nicht dabei.

Wie geht es Eltern, die seit fast vier Jahren auf ihre Tochter warten? „Wie soll es uns schon gehen?“ Die Hände
von Katrins Vater zittern ein wenig, als er sich eine neue Zigarette ansteckt. Er inhaliert den Rauch und zuckt
mit den Achseln. Frank Konert ist erst 41 Jahre alt, aber die ständige Sorge um seine Tochter hat ihn krank
gemacht. Heute ist er Diabetiker, vor ein paar Monaten bekam er einen Herzkatheter. Seine Haare sind grau,
die Stirn voller Sorgenfalten. Im Eßzimmer von Familie Konert ist es duster. Kerzen brennen.

Die geblümte Wachstuchdecke auf dem Tisch hat schon bessere Tage gesehen. Auf der Anrichte steht ein
künstliches Aquarium. In der Ecke türmen sich unausgepackte Kisten. Die Konerts sind umgezogen. Schon
zum vierten Mal in den vergangenen zehn Jahren. Jetzt wohnen sie in einem kleinen Runddorf bei Lüchow.
Frank Konert hat den Mietvertrag gleich auf zehn Jahre abgeschlossen. Katrins Sachen, die Pferdebücher,
die Puhdys-Poster sind noch verpackt. Sie stehen aber schon in ihrem neuen Zimmer, also in dem Zimmer,
das für sie vorgesehen ist, wenn sie wiederkommt. Frank Konert sagt: „Sie wird bei uns immer einen Platz haben.“

Die Bushaltestelle in Bergen ist siebzehn Kilometer entfernt, aber den Ort hat die Familie von ihrer privaten
Landkarte gestrichen. Lieber nimmt sie einen Umweg in Kauf, als am Fahndungsplakat vorbeifahren zu müssen.
Sie hätten auch überlegt, ganz aus der Gegend wegzuziehen, wo nicht jeder „die Familie mit dem verschwundenen
Kind“ kennt. Aber dazu fühlten sie sich doch zu stark verwurzelt. Aus Magdeburg sei er mit seiner Familie nach der
Wende hierher gezogen, sagt Frank Konert. Damit es seinen Kindern einmal bessergehe. Damit sie in Ruhe und Frieden
auf dem Land aufwachsen könnten und nicht in einem Plattenbau.

„Man muß halt irgendwie damit leben“, sagt Katrins Mutter, „schon der anderen Kinder wegen.“ Heidi Konert preßt
ihre Lippen zusammen. Vor allem Katrins Geschwister hätten sie am Leben erhalten. „Ich weiß nicht, was ich ohne
sie vielleicht getan hätte“, sagt Frank Konert. Die Konerts haben sechs Kinder. Der Jüngste, der fünfjährige Frank,
war noch ein Baby, als seine Schwester verschwand. „Manchmal, wenn wir spazierengehen, fragt er plötzlich: Mama,
besuchen wir jetzt Katrin?“

Richtig unheimlich sei das, erzählt Heidi Konert, die sonst eher still ist. Das Reden überläßt sie lieber ihrem Mann.
Heidi Konert, auch 41 Jahre alt, wirkt in sich gekehrt. Ihre Augen fixieren die Tischdecke. Nur wenn man sie direkt
anspricht, kommt mehr als ein kurzes Nicken. Nur wenn eines der Kinder den Kopf ins Zimmer streckt, breiten sich
kurz Lachfalten wie ein Fächer um ihre Augen aus. Dann sieht man, daß sie früher viel gelacht haben muß.

Von Katrin sprechen die Konerts fast immer im Präsens. Aber manchmal verspricht sich selbst ihr Vater.
Das Präteritum in „Katrin war . . .“ verbessert er dann schnell. Daß ihre Tochter aus eigenem Willen verschwunden
sein könnte, glauben die Eltern nicht. „Katrin ist nicht dumm.“ Ihr Mädchen hätte, wenn sie getürmt wäre, alles genau
geplant. Das Geld mitgenommen zum Beispiel, das die Geschwister erst kurz zuvor an Weihnachten geschenkt bekommen
hatten. Aber Katrin hatte an diesem Abend nicht einmal ihr Portemonnaie eingesteckt.

„Wenn sie 'nen Rappel bekommen hätte und plötzlich losgezogen ist, zum Kaffeepflücken nach Brasilien“, sagt
ihr Vater, „dann hätte sie irgendwann mal angerufen.“ Schließlich hatte sie ihr Handy dabei, auch wenn das Telefonguthaben,
mal wieder, ausgeschöpft war. Katrin und ihr graues Alcatel seien unzertrennlich. „Selbst auf die Toilette hat sie das
Gerät mitgenommen.“ Heidi Konert lächelt nur kurz. „Auch das Handy hat man nie gefunden.“ Das Handy nicht,
die Jacke nicht, eigentlich gar nichts. Was an sich kein schlechtes Zeichen ist, wie Frank Konert meint.

Gesucht hat man, natürlich. Gleich am selben Abend noch sind die Konerts auf eigene Faust losgezogen,
dann später die Polizei. Mit Hundertschaften, Leichenspürhunden, Wärmebildkameras und Helikoptern.
Nach einem Hinweis ließ man sogar ein ganzes Feld umbaggern. Auch Frank Konert wurde genau überprüft.
Den Garten der Familie hat man abgesucht. Hat ihn das nicht verletzt? „Das habe ich schon verstanden,
schließlich gibt es ja wirklich Eltern, die ihre Kinder umbringen.“ Die Polizei hat auch die Wohnung von
Katrins Freund Hansi unter die Lupe genommen.

Er war ihr heimlicher Freund. Den fast doppelt so alten Mann hatte das Mädchen kurz vor ihrem Verschwinden
in Bergen besucht. Die Eltern erfuhren von ihm erst durch die Polizei. Kinder, so mußten sie erfahren, erzählen
eben doch nicht alles. „Die Polizisten haben sogar seine Messer kontrolliert“, sagt Frank Konert. Ob er glaube,
Hansi könnte es gewesen sein? „Es? Was soll das heißen: Es? Ob er was mit ihrem Verschwinden zu tun hat?
Ich weiß es nicht.“

Auch ein ehemaliger Vermieter der Konerts, ein netter älterer Herr, der ein paar Jahre später die Tochter
der Nachmieter belästigt haben soll, wurde überprüft. Ebenso die Mitglieder der ortsansässigen „Thelema“-Sekte,
einer neosatanischen Organisation, deren Anführer wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung bereits vorbestraft
ist. Und ein Bekannter von Katrin, der sich an der Bushaltestelle mit ihr unterhalten hatte, von dem sie sich aber,
so seine Version, nicht nach Hause habe fahren lassen wollen.

„Es gab Verdächtige, es gab Beschuldigte“, sagt Kommissar Rusche. „Aber alle Spuren führten bisher in eine
Sackgasse. Nirgendwo fand sich ein Hinweis auf Katrin.“ Der Verdacht gegen jeden einzelnen dieser Männer sei
nie widerlegt worden, habe sich aber auch nicht weiter erhärten lassen. Rusche gehört für die Konerts mittlerweile
fast zur Familie. Mindestens zwei-, dreimal im Monat ruft er an. Aber er hat wenig Hoffnung auf Aufklärung:
„Ohne Leiche gibt es keine Möglichkeit, weiterzukommen.“

Noch immer ist Katrin im internationalen Vermißtenregister gelistet. Eine Belohnung ist ausgesetzt, ihr Foto
auf der Homepage www.vermisste-kinder.de verlinkt. Dutzende von Artikeln, Fernsehbeiträgen, Dokumentationen
sind erschienen. Alles haben die Konerts gesammelt. Es sei ziemlich schwierig gewesen, „ins eiskalte Wasser der
Medienwelt geworfen zu werden“, sagt Frank Konert. Zwar habe ihn die Polizei gewarnt, aber auf einen solchen
Ansturm, eine so massive Belagerung sei er nicht vorbereitet gewesen. „Zwei Tage nach Katrins Verschwinden
stand plötzlich ein Kamerateam mitten in unserem Wohnzimmer.

Die haben nicht mal geklingelt.“ Seither lassen die Konerts die Haustür nicht mehr unverschlossen. Ihre Nummer
steht nicht mehr im Telefonbuch. Trotzdem spricht Frank Konert immer wieder mit der Presse: „Man hofft natürlich
immer noch, bei jeder neuen Geschichte.“ Bei „Aktenzeichen XY . . . ungelöst“ wurde über den Fall bereits zweimal
berichtet. Das ZDF hatte dafür den möglichen Ablauf des Abends nachgestellt, mit einem Mädchen, das Katrin ziemlich
ähnlich sah. Immer wieder meldeten sich Menschen, die Katrin schon fast überall auf der Welt gesehen haben wollen:
in der Türkei, in Kalifornien, in Berlin.

Die Polizei hat alle Hinweise überprüft. Nach Berlin allerdings ist Frank Konert im Winter 2002 selbst gefahren.
„Auf dem Hinweg war ich ganz euphorisch. Ich dachte mir: Jetzt fährst du nach Berlin und holst Katrin nach Hause.“
Er hat an allen verdächtigen Orten gesucht, hat Prostituierten am Bahnhof Zoo Zettel mit Katrins Konterfei in die
Hand gedrückt, hat sich auf dem Babystrich umgehört, hat Punks ausgefragt und Obdachlosen ein Bier spendiert,
um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Ohne Erfolg. Dann glaubte er seine Tochter zu sehen. Das Mädchen habe
direkt vor dem Karstadt-Kaufhaus gestanden. Er sei sich ganz sicher gewesen: „Das ist Katrin.“ Sein Herz habe
einen Sprung gemacht. Doch es war nicht Katrin. „Die junge Frau sah ihr nur schrecklich ähnlich.“ Die Enttäuschung
klingt noch heute in seiner Stimme mit.

Die Quelle der Hinweise vertrocknete mit den Jahren, versiegt ist sie nie. Erst vor ein paar Wochen hat der
Anruf eines Freundes Frank Konert in der Arbeit aufgeschreckt. „Schau schnell mal ins Netz, da ist eure Katrin.
Auf so einer Single-Seite.“ Es war natürlich nicht Katrin, die dort Kontakt suchte, sondern jemand anderes, der
ihr Fahndungsfoto mißbrauchte. Eingestellt unter dem Namen „Katrin-Girl“. Die Formalitäten hat Kommissar Rusche
geklärt: die Betreiber der Seite informiert, den Beitrag entfernen lassen, den Internetnutzer ausfindig gemacht, der
das Foto von der Vermißten-Seite der Polizei Lüchow runtergeladen hatte. Mit den wieder einmal aufgewühlten Gefühlen
mußte die Familie selbst klarkommen.

„Man ist so hilflos“, sagt Frank Konert. Seine Frau nickt zustimmend. Man könne ja nicht trauern. Die Wunden könnten
gar nicht heilen. Oft fragt er sich: Warum tut man hierzulande nicht mehr für das Aufspüren von vermißten Kindern?
„Ein Kind kann doch nicht einfach so verschwinden!“ An diesen Satz glaubt er noch immer. Man solle ihn nicht falsch
verstehen. Die Polizei habe alles Erdenkliche versucht, da ist er sich sicher. „Aber die haben rein gar nichts!“ Natürlich
mache man sich als Eltern Vorwürfe: „Wie oft habe ich die Mädels mitten in der Nacht vor irgendeiner Disko abgeholt,
damit sie mir nicht zu einem betrunkenen Freund ins Auto steigen. Nur damals war ich nicht da.“

Warum muß er sich nachts in der Sendepause im Fernsehen Kaminfeuer oder die schönsten deutschen
Eisenbahnstrecken ansehen? „Warum kann man da nicht Fotos und Videos von unseren vermißten Kindern zeigen?“
Den Film zum Beispiel, auf dem Katrin am Herd steht und Spaghetti mit „Plastiksauce“ kocht, wie sie ihre Lieblings-
Tomatensauce nannte. Oder das von Heiligabend 2000, auf dem die ganze Familie zusammen unterm Baum sitzt,
ein Verwandter den Nikolaus spielt und Katrin ihr Sprüchlein aufsagt. Auf dem Video lacht sie und wirft dabei den
Kopf in den Nacken. Frech wirkt dieses Lachen und selbstbewußt. „Ihr Lachen vermisse ich am meisten“, sagt ihre
Mutter, die sich das Video mit Tränen in den Augen ansieht. Katrin sei immer die Wilde gewesen unter ihren Geschwistern.
Ein richtig rebellischer Teenager. Eine, die sich was traut. Freiwillig wäre sie nie zu einem Fremden ins Auto gestiegen.

Vor Feiertagen, die man im Kreise der Familie verbringt, besonders vor Weihnachten, haben Frank und Heidi Konert
gräßliche Angst. Sie versuchen sich trotzdem zusammenzunehmen. „Wir warten immer auf sie. Wir hoffen, daß sie
wiederkommt. Wir hoffen, daß nichts passiert ist.“ Am meisten fürchten sie sich davor, daß eines Tages Herr Rusche
vor der Tür steht und mit Bedauern statt mit Freude in der Stimme sagt: „Wir haben sie gefunden.“ Ob Frank Konert
glaubt, daß seine Tochter noch am Leben ist? „Ja.“


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