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 Sandra Wißmann vermisst

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BeitragThema: Sandra Wißmann vermisst   Sa Mai 22, 2010 1:43 pm

Sandra Wißmann bleibt spurlos verschwunden. Das an mehreren Stellen in der Nähe der Böckhstraße
gefundene Blut stammt nicht von der Zwölfjährigen. Das hat die DNA-Analyse ergeben. Seit einer
Woche sucht eine Hundertschaft der Polizei fieberhaft und akriisch in Kreuzberg nach dem Mädchen.
Eingegangen sind bislang lediglich 20 Hinweise, aber keine heiße Spur. Der Leiter der 5. Mordkommission
geht mittlerweile von einem Verbrechen aus. "Wenn ich mich irre - wunderbar", sagte Michael Hoffmann
dem Tagesspiegel.

Dienstag, 28. November, 15 Uhr: Sandra verabschiedet sich von ihrer Mutter an der Ecke Kottbusser
Damm / Böckhstraße. Sie will ein Geburtstagsgeschenk für ihre Mutter kaufen, und das natürlich allein.
Sie will zu Karstadt am Hermannplatz, 500 Meter entfernt. Um 16.40 Uhr wird sie von Schulfreunden noch
einmal gesehen, auf der anderen Seite des Kottbusser Damms, Ecke Bürknerstraße.

Zwei Fahndungsplakate hängen nun in der Eingangstür zum Billigkleidungsladen "Zeemann" an dieser Ecke.
Eines von der Vermisstenstelle - und eines von der Mordkommission. Denn die Polizei war sich schon einen
Tag nach dem Verschwinden sicher, dass Sandra nicht wie andere Mädchen von 12, 13 oder 14 Jahren "nur"
abgehauen ist. Normalerweise übernimmt eine Mordkommission erst nach etwa zehn Tagen die Ermittlungen.
"Bei Sandra hatten wir von Anfang an ein schlechtes Gefühl", sagt Matthias Tkotsch TKOTSCH!von der Vermisstenstelle.

Sandra ist nicht wiedergekommen - bis jetzt. Und der Chef der 5. Mordkommission, Michael Hoffmann,
spricht harte Worte: "Mit jedem Tag wird es wahrscheinlicher, dass Sandra Opfer eines Verbrechens wurde.
" Es gibt keine Ansatzpunkte mehr. Die Mitschüler aus der sechsten Klasse der Lemgo-Grundschule wurden
befragt, die Nachbarn und Angehörigen. Weder mit der Mutter, noch mit den drei Geschwistern oder dem Stiefvater
gab es Streit. Auch der leibliche Vater, der in Thüringen lebt, wurde befragt. "Da ist Sandra nicht, und es gibt auch
keinen Zusammenhang mit ihrem Verschwinden", sagt Chef-Ermittler Hoffmann. dem Tagesspiegel.

Etwa 20 Hinweise sind in den vergangenen acht Tagen eingegangen. Eine heiße Spur war nicht darunter. Dabei
hängen überall in dem Karree aus Kottbusser Damm, Böckhstraße, Graefestraße und Dieffenbachstraße Fahndungsplakate
der Polizei. Die Inhaberin des Kinderkleidungsgeschäfts "Die Rübe" hat einen handgeschriebenen DIN-A-4-Zettel
in die Ladentür geklebt. Der Besitzer eines türkischen Restaurants an der Graefestraße hat das Schreiben der Polizei
ins Türkische übersetzt und dazugehängt. Die Beschreibung von Sandra auf den Aufrufen ist exakt und geht bis ins
Detail. "Jeans mit Reißverschluss", "Muttermal am linken Oberschenkel hinten". Alle Zeitungen haben mehrfach eines
der beiden von der Polizei verteilten Fotos des Mädchen gedruckt.

Böse Erinnerungen werden wach. So an die elfjährige Jessica Kopsch, die am 28. Oktober 1998 in Reinickendorf
verschwand. Am 9. Januar war die nackte Leiche des Kindes in einer Tongrube in Sachsen-Anhalt gefunden worden.
Den Täter hat die 7. Mordkommission bis heute nicht ermitteln können. "Wir sind immer noch dran", sagte Uwe Isenberg
von der 7. Mordkommission. Damals hatte die Mordkommission erst am 10. November die Ermittlungen von der
Vermisstenstelle übernommen und eine große Suchaktion in der Umgebung gestartet. Damals gab es Hinweise, dass
Jessica ausgerissen sein könnte.

In Kreuzberg rückte ein Großaufgebot schon einen Tag später an, durchsuchte Keller und Dachböden, Hinterhöfe
und Gartenhäuser. Jeden Tag wurde das Karree etwas ausgedehnt. Die Polizei ermittelt weiter, auch in den kommenden
Tagen werde man in Kreuzberg weitersuchen, sagte Hoffmann. Die 5. Mordkommission wurde personell aufgestockt.


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BeitragThema: berliner zeitung   Sa Mai 22, 2010 1:51 pm

Es herrscht Schweigen im Graefekiez in Kreuzberg, nicht aus Gleichgültigkeit. Es ist ein Schweigen des Entsetzens.
Ein Kind ist in der Grimmstraße missbraucht worden, am Montag. Ein anderes Kind verschwand am Dienstag am
Hermannplatz. Und Sandra Wissmann aus der Böckhstraße ist weg. Seit über einem Jahr. Ist sie tot? Lebt sie irgendwo
als Gefangene? Oder, ist sie doch nur fortgelaufen und es geht ihr gut? Alle Fragen sind wieder wach. Fragen, die viele
gern vergessen hätten, doch die neuen Fälle haben sie aus der Vergangenheit in die Gegenwart zurückgeholt.

Im Kiosk in der Graefestraße nehmen die Bewohner des Viertels am Donnerstag fast stumm die Zeitungen mit.
Fragt Ladenbesitzerin Neriman Özel, ob sie "das von dem Mädchen" gehört haben, sagen sie: "Ja, unerträglich"
und gehen hinaus. Es ist kein Stoff für Gespräche über den Ladentisch.

Am Donnerstagmittag wissen sie noch nicht, dass zumindest das verschwundene Mädchen vom Hermannplatz wieder
da ist. Es tauchte am Mittwochabend auf. Seine Geschichte endete so, wie die Menschen im Kiez hofften: Die 13-Jährige
hatte Angst nach Hause zu gehen, weil sie sich gegen den Willen ihrer Mutter eine lebendige Maus gekauft hatte. Sie fälschte
die dafür erforderliche Genehmigung und bekam dann Angst vor der eigenen Courage. Sie lief zu ihrer Tante in der Neuköllner
Okerstraße und meldete sich erst, als sie die Lautsprecherdurchsagen der Polizei hörte.

Ein Happyend, das die Angst im Kiez nicht wegwischen kann. "Ich habe meinen Kindern eingeschärft, dass sie niemals
mit Fremden mitgehen dürfen", sagt eine Mutter. Kioskbesitzerin Özel wacht in ihrem Geschäft darüber, dass kein
Fremder einem Kind etwas kauft. Einmal kam ein Junge, den sie kannte, mit einem Unbekannten und wollte unzählige
Süßigkeiten haben. "Schön, dass dein Onkel dir die bezahlt", sagte sie, worauf der Mann erklärte, er sei nicht verwandt
mit dem Kind. "Gehen Sie sofort raus", sagte sie und schimpfte mit dem Jungen. "Nie, nie sollst Du einem Fremden folgen,
weißt Du das denn nicht?"

Das war kurz, nachdem Sandra nicht mehr nach Hause kam. Die 12-Jährige war losgegangen, um ein Geburtstagsgeschenk
für ihre Mutter zu kaufen. Es war der 28. November 2000. Ein paar Jugendliche meinten, sie danach noch gesehen zu haben.
Vielleicht glauben deshalb ein paar Nachbarn, dass Sandra lebt. "Die ist nicht tot", sagt eine griechische Imbissbesitzerin, "Sandra
war so ein nettes Mädchen, ich kann sie nicht vergessen." Immer noch hängt der Suchaufruf der Polizei in vielen Fenstern.
Im Haus von Sandras Eltern ist er eingerahmt von sechs Fotos des Mädchens: Portraits, einem Urlaubsfoto mit Bergen, zwei
Schnappschüssen. 20 000 Mark Belohnung sind ausgeschrieben, 10 000 von der Polizei, 10 000 von den Eltern. Aber niemand
hat einen Hinweis.

"Seit dem Verbrechen an der Neunjährigen gibt es jetzt immerhin ein Phantombild", sagt Frau Özel. Sie hat es sich genau
angeschaut, aber sie kennt den Mann nicht. "Wenn der es gesehen hat, hat der jetzt Panik und traut sich nicht mehr raus.
" Die Blicke, mit denen sich die Menschen im Kiez mustern, sind misstrauischer geworden. Es sei doch unwahrscheinlich,
dass der Mann von weit weg kommt. Sicher lebt er mitten unter ihnen, denken viele.

Ob es einen Zusammenhang zwischen dem Missbrauchsfall am Montag und dem Verschwinden von Sandra gibt, ist unsicher.
Aber es sind zwei Verbrechen an Mädchen. Ist es derselbe Täter und würde er gefasst, könnte das die vielen Fragen zu Sandra
beantworten. Die Unsicherheit und die Trauer um das Kind haben Spuren hinterlassen. "Seit das passiert ist, bin ich
panisch geworden", sagt die Mutter einer 11-Jährigen, "kommt meine Tochter nur eine halbe Stunde zu spät, werde ich
schon wahnsinnig." Die Jugendlichen sagen, dass sie vor nichts Angst haben im Viertel. Beim Namen "Sandra" werden
aber auch sie ziemlich still.

An der Grimmstraße, wo die Neunjährige missbraucht wurde, liegt ein großer Spielplatz. Er ist verlassen am Donnerstag.
Zwischen Klettergerüsten und Schaukeln steht ein hölzernes Nilpferd mit weit aufgesperrtem Maul. "Eigentlich mag ich es,
aber heute sieht es so aus, als wolle es die Kinder fressen", sagt eine Passantin, "ich wünschte, es könnte sagen, wohin der Täter verschwunden ist."

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